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Akute idiopathische transverse Myelitis: einmal Rollstuhl und zurück

Als Franziska Hidber an einem verschneiten Sonntag mit merkwürdigen Symptomen in die Zentrale Notfallaufnahme am Kantonsspital St.Gallen (KSSG) ging, rechnete sie mit einer Spritze und fünf Stunden. Daraus wurden fünf Wochen, in denen sie das Gehen neu lernen musste. Heute kann die Ostschweizerin sogar wieder wandern, auch wenn die Füsse noch immer surren. Ein Erfahrungsbericht.

«Kuhnagel» in den Füssen? Nicht aussergewöhnlich. Aussergewöhnlich aber ist, wenn er nicht mehr aufhört. Noch aussergewöhnlicher ist es, auf der Toilette zu sitzen und nichts dabei zu fühlen. Alarmierend wirkt es, von einem Tag auf den andern die Hose nicht mehr im Stehen anziehen zu können.

Ich konnte mir das alles nicht erklären. Denn bevor diese Symptome aus dem Nichts auftauchten, war ich gesund und munter, marschierte täglich rund zwei Stunden mit meinem Hund. Es war – natürlich – ein Sonntag, als ich im KSSG anrief. Man verband mich zügig mit einer Neurologin. Sie hörte zu und sagte dann genau drei Worte: «Kommen Sie rasch!» Das war mein Glück.

Trotz Sonntag und Corona ging es in der Notfallaufnahme Schlag auf Schlag. Untersuchung durch die Allgemeinmedizinerin, dann durch die Neurologin, nach zwei Stunden lag ich in der Röhre. Bereitsdas CT wies auf eine Rückenmarksentzündung im Bereich des Lendenwirbels hin, das Wirbelsäulen-MRI am nächsten Tag bestätigte die provisorische Diagnose. Schwieriger gestaltete sich die Suche nach der Ursache. Kopf-MRI,  Lumbalpunktion, Lungenröntgenbild, Blutuntersuchungen blieben ohne Befund. Was genau mein Immunsystem dazu gebracht hatte, das Rückenmark anzugreifen, ist bis heute unklar.

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Patientin Franziska Hidber musste nach einer diagnostizierten akuten idiopathischen transversen Myelitis (Rückenmarksentzündung) das Gehen neu lernen.

«Man verband mich zügig mit einer Neurologin. Sie hörte zu und sagte dann genau drei Worte: ‹Kommen Sie rasch!› Das war mein Glück.»

Franziska Hidber, Patientin

Die Symptome wurden täglich stärker. Morgens waren meine Füsse komplett taub, die Beine steif. Gehen ging nur noch mit Hilfe des Infusionsständers und fühlte sich an, als würde ich mit einigen Gin Tonic intus ein Schiff in Seenot betreten – jeder Schritt wurde zur Glückssache. Die täglichen kurzen Physiotherapiesequenzen am Bett oder im Flur der Klinik für Neurologie bedeuteten Schwerstarbeit, wirkten jedoch einer Lähmung entgegen.

Am Mittwoch begann die fünftägige Cortisontherapie. Das Wort «Reha» tauchte erstmals auf. Denn an freies Gehen oder erst recht Treppensteigen war nicht zu denken. Nach neun Tagen im Kantonsspital folgte der nahtlose Übertritt ins Rehazentrum Valens. Am ersten Tag wurde ich im Rollstuhl zur Therapie geschoben, am letzten marschierte ich anstandslos zehn Kilometer. Dazwischen lagen fast vier Wochen und ein intensives Training: Aufbau von Kraft und Kondition, das Wiedererlangen der Koordination, Übungen der Balance, Wasser- und Ergotherapie.

Als ich Valens verliess, beherrschte ich vieles wieder und manches noch nicht. Doch dass man in der Neurologie nicht in Tagen, sondern Wochen und Monaten rechnet, gehört zu den Dingen, die ich gelernt habe. Ob die letzten leichten Symptome je ganz verschwinden werden, steht in den Sternen. Aber, viel wichtiger: Ich kann wieder gehen, wandern, mich bücken, Dinge tragen, alles tun. Dafür nehme ich den Rest «Kuhnagel» gerne in Kauf.

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Gut zu wissen

Bei Verdacht auf ein spinales Syndrom, das akut oder subakut auftritt, ist eine notfallmässige Abklärung indiziert. Im Fall einer vermuteten atraumatischen Rückenmarkserkrankung soll in der Regel eine Zuweisung auf der Zentralen Notfallaufnahme des Kantonsspitals St.Gallen zur raschen neurologischen Beurteilung erfolgen. www.kssg.ch/zna

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